10 Bilder - 10 Fragen

Vor einigen Jahren brachte eine Mailfreundin mich darauf, dass das Fragen eine eigenständige Form der Kommunikation, gegenüber dem Äußern von Meinungen wohl sogar die bessere ist.

Zumindest ist die innere Haltung der wirklich Fragenden eine andere als die der Behauptenden.

Auf diese Weise sensibilisiert für das Stellen und Beachten von Fragen, die ich mir selbst beantworten muss und die mich daher in eine wirkliche Kommunikation, in eine „Gemeinschaftung“, hinein zu ziehen vermögen, zogen mich die 10 Fragen von Anna Paproth noch vor den 10 Bildern in ihren Bann.

Aber muss man eine philosophische "Ader" haben, um die 10 Fragen der 10 Bilder als philosophisch wahrzunehmen? Spiegelt sich, anders gefragt, der Betrachter selbst darin, wird er zurückverwiesen auf seine eigene Art der Betrachtung – ein Reflex an einem Kristall, ein Widerschein auf glasklarer Fläche?
Dem eigenen inneren Widerhall nachlauschend, erscheinen mir die 10 Fragen durch ihren Schriftstil und durch die Verwendung aufgelöst geschriebener Umlaute wie Telegramme, die mich dringend erreichen wollen. Insgesamt wirken diese Telegramme auf mich als geschlossene Kette: Je zwei davon klinken sich ineinander, verhaken sich, beleuchten einander. Es entsteht eine virtuose Art von Text. Die letzte Frage schließt dabei wieder an die erste an: ein Kreis oder vielmehr ein Zehn-Eck, aus dem es kein Heraus gibt. Aber in seiner 10-eckigen Geschlossenheit ist der kleine Kosmos fast vollkommen. Keine wesentliche Frage fehlt, soweit ich sehen kann.
Die drei Großen Fragen von Immanuel Kant - Was können wir wissen? Was sollen wir tun? Was dürfen wir hoffen? - sind nicht darin zitiert. Sie sind aber mit-enthalten, klingen als eine Art Oberton-Musik durch. Ich kann darum Anna Paproths Dekalog nicht verfolgen, die Fragen nicht beantworten, ohne mich auf die Kantischen Fragen zu besinnen. Ich besinne mich, auch ohne es zu wissen, auf Kants Fragen, indem ich Anna Paproths Fragen an mich heran lasse.

Doch zunächst tauchen mir weitere Nachfragen auf zu diesem Werk: Stehen die "10 Bilder - 10 Fragen" von Anna Paproth tatsächlich in einem linearen Verknüpfungsverhältnis zueinander wie Glieder einer Kette? Oder verhalten sie sich nicht eher wie Flächen in einer Ebene, wo jede Fläche mehr als zwei Nachbarinnen hat?

Und wie verhalten die Fragen sich zu den Bildern, den Fotos der Pelzwaren? Sind sie gegeneinander austauschbar? Schließlich die Fotos selbst: Stehen diese untereinander in Korrespondenz, bilden sie eine geordnete Folge oder eine wohlgeformte Struktur? Es ist nicht durchführbar, allen kombinatorisch herstellbaren Permutationen nachzuspüren, um die "beste(n)" zu finden. Denn es gäbe mehrere Millionen möglicher Abfolgen für die 10 Bilder, und jede Abfolge könnte wieder anders mit den 10 Fragen kombiniert werden.

Halte ich mich an die Vorgabe durch die Künstlerin, sehe ich eine zweispaltige Anordnung mit 5 Zeilen. So hingen die Bilder bei meinem Besuch im Atelier an der Wand, so kann ich sie auch auf der Website sehen, wenn ich mir die Anzeige der Seite im Browser schmal genug einstelle. Durch diese 2-spaltige Anordnung bekommt jedes Bild drei Nachbarn. (Stelle ich mir die Anordnung nach oben und unten in sich geschlossen vor wie auf einer Walze, auf einer gekippten Litfaß-Säule, gilt das auch für die Bilder der ersten und der letzten Zeile, da diese Zeilen dann ja nicht mehr erste und letzte sind.)

Wo dann aber beginnen mit der betrachtenden Beschreibung?

Die Gesamtanordnung lässt mir eines der Bilder wegen seiner geringeren Farbsättigung als eine Art Lücke, einen „Durchblick“, erscheinen: "Woran glaubst du?", lautet seine Frage.

Als einziges der Bilder zeigt es nicht den Blick in eine Garderobe aufgehängter Pelzmäntel, sondern ein Patchwork aus grauen Vliesen: ein Detail eines Kleidungsstücks? Oder vielleicht ein Blick in die Kürschner-Werkstatt?

Dieses Bild nehme ich mir jetzt zum Ausgangspunkt, um der Frage ein wenig nachzuspüren, wie Foto und Text miteinander korrespondieren, beim Betrachten in der inneren Schau miteinander kommunizieren, sich vielleicht wechselseitig kommentieren oder kontrastieren.

"Woran glaubst du?"

An Luxus und Reichtum? An Wärme und Geborgenheit? Für beides kann der Pelz als solcher stehen. Und mit dem Pelz als solchem, ohne noch ein bestimmtes Kleidungsstück zu sein, haben wir es auf diesem Foto wahrscheinlich zu tun.

Unmittelbar gegenüber erscheint die Frage: "Wer bist du?" vor Pelzen von Leoparden oder Geparden oder Ozeloten. Diese Frage nach meiner Identität vertieft die Frage nach dem Gegenstand meines Glaubens ins Existenzielle. Es geht nun nicht mehr nur darum, woran konkret ich glaube, sondern um den tieferen Sinn, überhaupt zu glauben, einen Glauben zu haben. Glaube an bestimmte Werte setzt voraus, an die Möglichkeit von solchen Werten zu glauben, glauben zu können. Gegen das lauernde Nichts den Sinn zu behaupten.
Die Raubkatzen geben dazu Geschmeidigkeit als Ingredienz, auch Sprungkraft. Trüge ich solchen Pelz, hätte ich dann die eigene Wildheit im Bezwingen der Raubkatzen gezähmt? Könnte ich mir ihre Kraft, ihre Lebensenergie zu eigen machen?

"Woran glaubst du?"

Im ungebremsten und unreflektierten Konsum gerinnen uns auch Werte wie menschliche Wärme und soziale Geborgenheit unversehens zur Ware. Es genügt nicht, an sie zu glauben, als seien sie felsenfest und uneinnehmbar wie eine mittelalterliche Burg. (Auch diese wurden ja durchaus geschleift...) Selbst die Frage "Ist die Menschenwürde noch unser oberster Wert?" (Hans Joas) muss sich wappnen angesichts von berechtigt scheinender Skepsis gegen oberste Werte und gegen den Vorwurf des "Speziesismus", der Bevorzugung einer Art (Spezies); ein vom Rassismus zwar befreiter und insofern erweiterter Horizont, aber in der Frage, ob der Mensch mehr sei als das Tier, möglicherweise einseitig wie dieser.

Oberhalb der Glaubensfrage springt aus dem buntesten der Fotos (unechte Pelze?) die Frage:

"Was willst du?", und unterhalb lese ich "Worauf kannst du verzichten?" (vor klassischen Pelzfarben: helles bis mittleres Braun). Dies ergibt eine ungewohnte Kontextualisierung und damit eine hohe Spannung für das dazwischen liegende "Woran glaubst du?": Hängt mein Glauben auch von meinem Wollen und meinem Verzichtenkönnen ab? Stehen eigene Wünsche und eigene Absichten dem Glauben herausfordernd gegenüber?

Doch zurück zur Frage: "Wer bist du?"

Bin ich auch als Mensch ein Raubtier? Werden mir andere Raubtiere das Fell abziehen und sich damit schmücken? Aber halt, nicht "WAS bist du?", sondern "WER bist du?" ist gefragt!

Kann ich diese Frage anders beantworten als mit einem tautologischen und trivial wirkenden

"Ich bin ich"?

Und dabei darauf verweisen, dass in dem, was ich will, mein Ichsein zutage tritt - vielleicht bunt, vielleicht künstlich? Möglicherweise gefallsüchtig oder extravagant? Kann ich darauf verzichten, und mehr als darauf: auch auf seriöses Erscheinenwollen, soweit es nur um den gesellschaftlichen Auftritt und die Selbstdarstellung geht, das Erscheinen um des Erscheinens willen? Dann wäre ich ebenso verwirklicht in dem, worauf ich verzichten kann.

Bin ich, woran ich glaube? Ein Abglanz meiner eigenen höchsten und obersten Werte?

Dann komme ich von "Wer bist du?" auch auf die Nachbar-Fragen: "Woran waechst du?" und

"Was liebst du?"

Hier sehe ich mich noch näher an mich selbst heran geführt. Mein Sein korrespondiert mit meinem Werden. Ich bin nicht statisch der ich bin, sondern werde, der ich sein kann. Das ist aber kein Wissen, sondern ein Glauben; daran glaube ich, ohne es beweisen zu können.

Ich halte hier inne. Es ist kein Schluss, sondern die Erkenntnis eines Anfangs.

Die Pelze werden zum samtigen Stimmungsgeber einer Mandala-artig geführten Meditation. Als frag-würdige Bekleidung halten sie mich ständig für das Fragen und Infragegestelltwerden offen.

Mit Fotos beispielsweise von Edelsteinen als Symbolen für dauerhafte Werte oder von Delikatessen als Hinweis auf Reichtum und Luxus könnte diese Dynamik meines Erachtens nicht in gleicher Weise und Spannung erreicht werden.

Dieser kleine Ausschnitt aus immer weiterem Fragen soll keine Analyse des
Werks "10 Bilder -10 Fragen" sein. Es geht mir nur darum, skizzenhaft zu zeigen, wie vielschichtig und mit welcher Reichhaltigkeit an Binnenbezügen das im ersten Augenblick vielleicht harmlos wirkende Ensemble aus Fotos und Fragen operiert. Oder doch auf jeden Fall die virtuelle Fläche zu bieten vermag, auf der ich mit meinen Gedanken und Eindrücken mich wie auf dünnem Eis bewege: Einbruch jederzeit möglich. Oder die das Riff formt, in dessen Vielfalt ich tauche und zwischen dessen Wellen ich atme…

Paul-Gerhard Schank
Herbst 2014